MESSEN - STEUERN -REGELN -
AUTOMATISIERUNG IN DER PRODUKTION
Ausgabe 3/96 vom 1. Juni 1996
Bussysteme:
Feldbus ja, aber welcher ?Durch den Einsatz von Feldbussystemen lassen sich die Installations- und Wartungskosten in der Meß-, Steuer- und Regelungstechnik deutlich reduzieren. Vor dem Ersteinsatz sollte allerdings sorgfältig geprüft werden, welches Bussystem den optimalen Nutzen in der eigenen Anwendung verspricht. Ein Vergleich rein technischer Daten reicht zur Investitionssicherung in aller Regel nicht aus. Die Verfügbarkeit von felderprobten Geräten und die Marktentwicklung, sind nur zwei weitere Kriterien die Bewertet werden müssen. |
Konventionell werden Sensoren und
Aktoren über ein analoges 4-20 mA Signal mit einer Steuerung
oder Auswerteeinheit verbunden. Für jede Verbindung zwischen
Sensor oder Aktor und der Steuerung ist bei dieser Technik ein
2-adriges Kabel notwendig. Zusätzlich muß für jeden Sensor und
Aktor eine Ein- bzw. Ausgangschaltung (I/O) in der Steuerung
(meist SPS oder PC) vorgesehen werden (Abb.1a).
Ganz anders sieht das Bild bei
Einsatz eines Feldbussystems aus (Abb. 1b). Alle Geräte werden hier an ein Buskabel (je nach
Feldbussystem 2,4, oder 5-adrig) angeschlossen. An Stelle der
Ein- / Ausgangsschaltungen wird eine Interface-Karte eingesetzt.
Das spart I/O-Karten, reduziert den Platzbedarf im Schaltschrank
und senkt die Kosten für die Verdrahtung nachhaltig.
Bei konventionellen Systemen können Informationen (z.B.
Meßwerte oder Störungssignal) nur in sehr eingeschränktem
Maße in eine Richtung übertragen werden. Also nur vom Sensor
zur Steuerung bzw. von der Steuerung zum Aktor. In einem
Feldbussystem lassen sich hingegen über den digitalen Bus
Informationen bidirektional austauschen. Neben den eigentlichen
Prozeßdaten wie Meßwerte (z.B. Temperatur) und Steuergrößen
(z.B. Drehzahl) können auch Parameter wie Meßbereich,
Meßstellenkennzeichen (TAG), Filtereigenschaften, Wartungs- oder
Störsignale, etc. übertragen werden. Die Vorteile, die sich
daraus ergeben liegen auf der Hand. Die Inbetriebnahme und
Wartung wird vereinfacht und die Flexibilität der Anlage (z.B.
durch zentrale Meßbereichsumschaltung) verbessert. Auch hieraus
lassen sich in aller Regel Kostenvorteile gegenüber
konventionellen Lösungen ableiten.
Abb. 1: Konventionelle
Installation (oben) und Feldbusistallation (unten)
Die unterschiedlichen
Anforderungen an Feldbussysteme, die Vielzahl der technischen
Lösungsmöglichkeiten und letztendlich auch
unternehmenspolitische Aspekte haben bis heute zu einer großen
Anzahl an unterschiedlichen Feldbussen geführt und einen
einheitlichen internationalen Standard verhindert.
Der Zeit bemüht sich der Interessenverband Fieldbus Foundation
zwar um die Definition eines allgemein gültigen Standards. Wann
und mit welchen Ergebnissen die Aktivitäten der Fieldbus
Foundation abgeschlossen werden ist gegenwärtig noch nicht
abzusehen.
Viele Fachleute bezweifeln inzwischen ein ernsthaftes Interesse
der Gerätehersteller an einer einheitlichen Lösung und geben
über dies zu bedenken, daß die unterschiedlichen Anforderungen
ohnehin kaum über nur ein System zu befriedigen sind.
Unternehmen, die auf die
Einführung einer allgemein anerkannten internationalen Norm
warten, werden bis dahin wertvolle Erfolgspotentiale verschenken,
zumal sich schon heute individuell, zukunftssichere Konzepte
realisieren lassen. Hätte eine Firma z.B. die Einführung von
EDV in den ´80 Jahren vom vorhandensein eines standardisierten
Betriebssystems abhängig gemacht, so wäre diese Firma auch
heute noch ohne EDV und damit sicherlich ohne Erfolgschancen im
Wettbewerb.
Nachfolgend sollen einige
Anmerkungen zu unterschiedlichen Feldbussystemen den Einstieg und
die Orientierung erleichtern.
Von zentraler Bedeutung bei der Bewertung von Feldbussystemen ist
das OSI Referenzmodel Abb.2
(häufig auch als OSI 7-Schichtmodel bezeichnet), da alle mir
bekannten Feldbusse nach dem OSI Referenzmodel aufgebaut sind und
dieses so zu sagen den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt.
Bei Feldbussen sind i.a.R. nur die Schicht 1 (physical layer),
die Schicht 2 (datalink layer) und die Schicht 3 (application
layer) von Bedeutung. Eine Ausnahme bildet LON und P-NET. Bei LON
sind alle 7 Schichten ausgeprägt. Bei P-NET finden die Schichten
1,2,3,4 und 7 Anwendung.
Die Spezifikationen gehen für die verschiedenen Busse
unterschiedlich weit. So wird beispielsweise bei ASI für die
Physikalische Schicht (Schicht 1) neben den elektrischen
Eigenschaften der Schnittstelle auch das Kabel, die
Anschlußtechnik und der mechanische Aufbau festgelegt. Andere
Spezifikationen lassen hier mehr Freiheitsgrade oder alternative
Lösungen zu. Insbesondere auf der für die Praxis so wichtigen
Anwenderschicht (Schicht 7) gehen die Definitionen sehr
unterschiedlich weit und werden bei einigen Systemen durch
Profile ergänzt.
| Schicht
(Layer) |
Bezeichnung | Funktion |
| 7 | Anwendungsschicht
(Application Layer) |
stellt formatierte Daten und Befehle zur Verfügung |
| 6 | Darstellungsschicht (Presentation Layer) |
übersetzt Daten (Formatierung, Verschlüsselung, Zeichensatz) |
| 5 | Sitzungsschicht (Session Layer) |
Kommunikationssteuerung, Auf- und Abbau von Sitzungen |
| 4 | Transportschicht (Transport Layer) |
sichert die Teilnehmerverbindung |
| 3 | Vermittungsschicht (Network Layer) |
stellt Endsystemverbindung her, legt Weg der Daten im Netz fest |
| 2 | Sicherungsschicht
(Data Link Layer) |
stellt gesicherte Systemverbindung her, (Datensicherung, Zugriffssteuerung, Datenformate für Übertragung, etc.) |
| 1 | Physikalische
Schicht (Physical Layer) |
elektrische und mechanische Eigenschaften der Verbindung |
Abb.2: OSI-Referenzmodel
CAN steht für Controler Area
Network und würde von den Firmen Bosch und Intel ursprünglich
als Bussystem für Fahrzeuge (Autobus) entwickelt. Inzwischen hat
sich CAN aber auch im Bereich der Automatisierungstechnik als
Feldbus bewährt. Wie praktisch alle Feldbusse setzt auch CAN auf
dem OSI 7-Schichtmodel auf. CAN ist nur für die OSI Schichten 1
und 2 in der ISO 11898 genormt. Die "fehlende"
Anwenderschicht wird durch die auf CAN aufsetzenden Schicht 7
Protokolle DeviceNet, SDS, CAL und die CANopen Profile definiert.
Durch den hohen Bedarf an CAN-Kommunikationschips in der
Automobilindustrie unterliegen CAN-Knoten einem starken
Wettbewerb, was sich durchweg positiv auf den Preis und die
Innovationsgeschwindigkeit auswirkt.
Bedingt durch das Zugriffsverfahren CSMA/CA und einer
objektorientierten Adressierung lassen sich mit CAN besonders
effektiv sehr leistungsfähige ereignisgesteuerte Systeme
aufbauen. In dem Multimaster System CAN können Daten direkt
zwischen beliebig vielen Teilnehmern ausgetauscht werden.
Die technischen Besonderheiten, geringe Kosten für die
CAN-Kommunikationschips und die starken Nutzerorganisationen, CiA
("Dachverband") und ODVA (für DeviceNet), sind auch
künftig ein sicherer Garant für hohe Marktpräsens und ein
breites Produktangebot.
Die Feldbusse PROFIBUS, P-NET und
FIP zählen zu den Universalbussen, die einen relativ breiten
Bereich der in MSR-Anlagen auftreten Kommunikationsaufgaben
verarbeiten können. Alle drei Systeme sind in die EN50170, als
alternative Universalbusse für die prozeßtechnische Anwendung,
eingehgangen.
Auf der untersten Ebene des
Hierarchiemodells der Automatisierung (Abb.3) werden besondere Anforderungen an ein
Kommunikationssystem gestellt. Anschaltkosten, Echtzeitfähigkeit
und kurze Zykluszeiten sind von besonderer Bedeutung. Die zu
übertragenden Daten, meist Meß- oder Steuerwerte sind
typischerweise nur wenige Bits lang. Auf diese speziellen
Anforderungen ist der in DIN E 19258 genormte INTERBUS-S mit
seinem Summenrahmen-Protokoll spezialisiert. Mit einer Taktrate
von 500 Kbit/s und einer Netto Datenrate von ca. 50% lassen sich
auch zeitkritische Steuerungen über ein Bussystem realisieren.
Mit ca. 1.000.000 INTERBUS-S Knoten, die weltweit im Einsatz
sind, zählt das System mit zu den führenden Feldbussystemen. In
einigen Bereichen, wie z.B. der Vernetzung von Frequenzumrichtern
und in der Antriebstechnik kann sogar von einer
Marktführerschaft ausgegangen werden.
Das Aktuator-Sensor-Interface ASI ist noch weiter spezialisiert. Über ein
sehr einfaches Protokoll mit nur 4 Datenbit langen Telegrammen
ist ASI auf die Übertragung der Daten binärer Sensoren und
Aktoren spezialisiert. In vielen Automatisierungsprozessen wir
überwiegend mit solchen schaltenden Elementen gearbeitet.
Abb.3: Ebenen des
Herachiemodells der Automatisierung
Eine weitere deutsche Entwicklung ist der in DIN 66348 genormte "DIN-Meßbus". Der "DIN-Meßbus" wurde konzipiert als Schnittstelle für die industrielle Meß- und Prüftechnik, Fertigungsüberwachung, rechnergesteuerte Qualitätssicherung sowie zur Betriebs- und Maschinendatenerfassung. Insbesondere erfüllt er die Anforderungen an eichpflichtigen Meßeinrichtungen.
Das LON-Konzept wurde von der Firma Echelon entwickelt und hebt sich durch einige Besonderheiten von den übrigen Bussystemen ab. So wird für den Buszugriff bei LON eine Variante des CSMA verwendet. Nur der CAN-Bus verwendet in der Welt der Feldbusse auch eine Variante dieses Zugriffsverfahrens. Alle anderen Systeme arbeiten nach dem Master-Slave-Prinzip, bzw. einer Kombination aus Master-Slave und Token Passing (z.B. Profibus). Der Vorteil des Master-Slave-Prinzips liegt in der berechenbaren Reaktionszeit, der Echtzeitfähigkeit. Der Vorteil des CSMA-Verfahren ist vor allem in der wesentlich effizienteren Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Teilnehmern zu sehen. Das liegt daran, daß kein Polling (zyklisches Anfragen aller Meßstellen durch die Masterstation) notwendig ist und Daten zwischen Geräten immer direkt ausgetauscht werden können. Also nicht, wie beim Master-Slave-Systemen über den Master weiter verteilt werden müssen.
Eine weitere Besonderheit von LON
ist, daß alle 7 Schichten des OSI-Referenzmodels ausgeprägt
sind und LON unabhängig vom Übertragungsmedium arbeitet. LON
bittet so die Voraussetzungen für komplexe Netzwerkstrukturen,
die z.B. insbesondere in der Gebäude und Haustechnik
entscheidend sind, aber auch in vielen industriellen
Automationssystemen Vorteile mit sich bringen können.
HART wird primär nicht als
Feldbus eingesetzt sondern als Kommunikatiionsschnittstelle zu
"intelligenten Feldgeräten" die Meßwerte bzw.
Steuersignale über eine analoge 4-20 mA Schnittstelle versenden
bzw. empfangen. Über HART wird auf dieses 4-20 mA Signal ein
Frequenzsignal moduliert das die analoge Signalübertragung nicht
beeinflußt, aber dennoch eine bidirektionale Kommunikation mit
dem Feldgerät ermöglicht. Im Multidrop Modus können auch über
HART bis zu 16 Geräte an einer 2-adrigen Busleitung betrieben
werden. Aufgrund der niedrigen Übertragungsrate (ca. 2 Meßwerte
pro Sekunde) kommen solche Anordnungen aber nur in Anwendungen
mit großer Zeitkonstante vor.
Mit der Entscheidung für den
Einsatz eines Feldbussystems sind schnell Investition in 6- bis
7-stelliger Größenordnung verbunden. Solch eine Entscheidung
vorzubereiten ist mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden,
der durch die Inanspruchnahme einer auf Feldbustechnologie
spezialisierten Consulting Firma wie der BestWeb GmbH deutlich reduziert werden kann. Technische
und wirtschaftliche Aspekte aber auch firmen- und marktpolitische
Faktoren müssen zur Investitionssicherung berücksichtigt
werden, denn nicht immer setzen sich die technisch Besten und
preiswertesten Lösungen auch am Markt durch. Die
Entscheidungssicherheit, die eine gute Beratung oder der Besuch
eines geeigneten Seminarangebotes bringt, zahlt sich meist
schnell aus.
Studien [1] und praktische Erfahrungen zeigen, das in
vielen MSR-Anlagen durch den Einsatz von Feldbustechnologie
erhebliche Kostenvorteile gegenüber konventionellen Lösungen
erzielt werden. Unternehmen die diese Kostenvorteile nicht
rechtzeitig nutzen verschenken wertvolle Erfolgspotentiale und
gefährden mittelfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit.
| Literatur: [1]
VDI Bericht 1144, J.Rathje |
Dipl. Ing. Christian Eilmes, Jahrgang 1964, studierte von
1985-1991 Physikalische Technik an der Fachhochschule
Wedel, noch während des Studium begann er bei der IMC
Data Systems GmbH mit der Entwicklung von
rechnergestützten Meß- und Warnsystemen. Danach war er
bei der Drägerwerk AG in Lübeck als Produkt- und
Marketingmanager im Bereich Stationäre Gaswarntechnik
beschäftigt. Der Aufgabenschwerpunkt lag hier bei der
Betreuung und Vermarktung von Auswertesystemen und Gasmeßgeräten mit Feldbus und
Kommunikationsschnittstellen. Im Oktober 1995 gründete
er die BestWeb GmbH, um sich als Selbständiger
ganz auf Schulungen, Beratungen und Planungen im Bereich
Feldbustechnik und Onlinedienste konzentrieren zu
können. |